Alles Nazi oder was?

Mich nervt das. Alle sind Nazi. Jeder Rechtsabweichler wird so tituliert. Früher war nicht alles besser, aber in den 70er und auch noch 80er Jahren des letzten Jahrhunderts waren Nazis echte Nazis. Also solche, die in der NSDAP waren.

So war das jedenfalls in der Kreisstadt an der deutsch-deutschen Grenze. Bei diesen Nazis gab es feine Unterschiede: „Er war Nazi“ oder „er ist bei den Nazis gewesen“ bedeutete, dass sich der Betreffende nach dem Untergang des Dritten Reiches nicht mehr entsprechend politisch geäußert hat. Dieses Nazitum wurde als Zeichen einer Charakterschwäche gewertet, die Mitläufer ebenso einschloß wie Profiteure und echte Überzeugungstäter.

Letztere waren dann gemeint, wenn es hieß: „Der ist Nazi.“ Das waren die wenigen, aber desto unangenehmeren Zeitgenossen, die ihre Gesinnung nicht verbergen konnten oder wollten. Die jüngeren Nazis, die neuen, wurden korrekt als Neonazis bezeichnet. Die waren also zu jung, um an den Naziverbrechen beteiligt zu sein, sehnten aber den Tag herbei, an dem Hitler wahlweise aus seinem Exil in Brasilen / Argentinien / dem ewigen Eis oder der Rückseite des Mondes zurück kam um das Reich wieder auferstehen zu lassen.

Damals war man sich überwiegend einig, dass eine Mitgliedschaft in der HJ eben nicht den Nazi zeigte, sondern eher als weitere Untat des Naziregimes zu werten war.

Hier war kein Backnazi am Werk.

Jedenfalls waren Nazis Nazis.

Anfang der 2000er begegnete mir der Nazibegriff erstmals völlig aus diesem Kontext gelöst. „Nazi“ war plötzlich jemand, der sich fanatisch einer Sache verschrieben hatte. Zum Beispiel wurde mir ein neuer Kollege als „Projektmanagement-Nazi“ vorgestellt. Das sollte wohl bedeuten, dass er ein guter Projektmanager war und mich vorwarnen, dass an Zusammenarbeit mit diesem Kollegen ohne Projektpläne nicht zu denken sei.

Diese Sorte Nazi tauchte vor allem in Zusammenhang mit Tätigkeiten auf, die ein gewisses Maß an Gründlichkeit und Hingabe erfordern. Ich lernte folgende Nazis kennen:
Hausmeisternazi, IT-Nazi, Gesundheitsnazi, Sportnazi, Wandernazi und meinen Liebling, den Bassnazi.

Die Kollegin, die mir den Projektmanager vorgestellt hatte, bat ich anschließend, doch bitte den Begriff „Nazi“ so nicht zu verwenden. Danach habe ich aufgegeben, sowas verläuft sich, dachte ich.

Und tatsächlich wurde der Nazi wieder zum Nazi. Zumindest ein bisschen. Er wurde von dem unterschwellig mitschwingenden, völlig unangebrachten Respekt befreit und kam als politischer Kampfbegriff zurück. Dummerweise konnte nun jeder oder jede zum Nazi werden.

Und da sind wir Ende 2020. Jeder Konservative mutiert ganz schnell zum Nazi, wenn er sich „falsch“ äußert. Du findest eine kalifornische Gesetzesinitiative unprickelnd, die Diskriminierung, also auch solche aus ethnischen Gründen, erlauben möchte? Nazi! Warum? Weil somit auch keine „positive“ Diskriminierung möglich ist. Ja, ich weiß, es ist zum Hirnverrenken.

Es gibt alle möglichen Gründe, von einer Sekunde zur anderen als Nazi bezeichnet zu werden. Vielleicht dürfen wir uns dann nicht wundern, wenn solcherart Stigmatisierte irgendwann denken, dass das ja gar nicht so schlimm sei, das Nazisein.

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